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Ihr Haus aus Kalksandstein - von HANIEL/Xella mit "Bröselsteinen" gebaut?

Haben Sie zwischen 1987 und 1995 Ihr Haus mit Kalksandsteinen gebaut oder ein mit Kalksandsteinen errichtetes Haus gekauft? Sie haben sich vermutlich bewusst und wohl überlegt für den Baustoff Kalksandstein entschieden. Sie haben den Baustoff Kalksandstein vermutlich auch deshalb gewählt, weil er neben vielen anderen Vorteilen als enorm belastbar sowie als frost- und witterungsfest gilt.

Kalksandsteine sind aufgrund ihrer Struktur besonders druckfest. Eine tragende Wand kann daher mit Kalksandsteinen nur 11,5 cm dick sein, um allen bautechnischen Ansprüchen zu genügen. Dafür müssen Wände aus anderen Baustoffen bis zu 24 cm Dicke aufweisen. Die Differenz zur Kalksandsteinwand beträgt somit 12,5 cm, was pro laufenden Meter einem Flächengewinn von 0,125 qm entspricht. Reichlich Potential für den Käufer, "mehr Haus" für sein Geld zu bekommen (Quelle: Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V.).

Die außerordentliche Drucktragfähigkeit ist demnach einer der entscheidenden Vorteile von Kalksandsteinen.

Ein anderer Vorteil ist die Frost- und Witterungsfestigkeit des Kalksandsteins.

Feuchtigkeit und Kälte können den soliden Kalksandstein-Wandkonstruktionen nichts anhaben. Das gilt sowohl für zweischalige Wandkonstruktionen mit Verblendschale aus Kalksandstein-Verblendern als auch für einschalige Außenwände mit Kalksandstein-Thermohaut. Zweischalige Kalksandstein-Außenwände und Kalksandstein-Thermohaut wiederstehen auch höchster Schlagregen-Beanspruchung. Kalksandsteine werden seit mehr als 100 Jahren als solider dauerhafter Mauerstein für den Fundamentbau eingesetzt, Fassaden aus Kalksandstein gibt es seit mehr als 80 Jahren. Kalksandstein ist auch bei Dauerfeuchte haltbar. Seit Jahrzehnten haben sich Kalksandstein-Grundmauerwerke in den deutschen Heide- und Moorlandschaften bewährt(Quelle: Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V.).

Diese hohe Frost- und Witterungsfestigkeit sowie die hohe Drucktragfähigkeit waren sicherlich auch für Sie ausschlaggebende Argumente, sich für den Baustoff Kalksandstein zu entscheiden. Wenn Sie jedoch im Zeitraum zwischen 1987 und 1995 ein Haus mit Kalksandsteinen des Herstellers Haniel/Xella gebaut oder in dieser Zeit oder später ein Haus gekauft haben, welches mit derartigen Kalksandsteinen gebaut wurde, haben Sie möglicherweise buchstäblich auf Sand bzw. besser gesagt mit "Bröselsteinen" gebaut. Der Hersteller Haniel/Xella hat in diesem Zeitraum bei der Herstellung der Kalksandsteine in den Werken Kalkscheuren, Issum und Ratingen einen Zusatzstoff verwendet, der als Abfallprodukt bei der Rauchgasentschwefelung entsteht. Dieser Zusatzstoff ersetzte in den betroffenen Werken des Herstellers Haniel/Xella den teuren Zusatzstoff Kalk. Dieser Zusatzstoff aus der Rauchgasentschwefelung führt dazu, dass es bei Feuchtigkeitseinwirkungen auf das Mauerwerk zu Treiberscheinungen kommt. Diese wiederum bewirken eine fortschreitende Rissbildung im Stein mit erheblichem Festigkeitsverlust - der Stein "bröselt".

Die Geschichte trug sich wie folgt zu:

Mitte der 1980er Jahre suchte der renommierte Hersteller von Kalksandsteinen, Haniel/Xella, nach einer Möglichkeit, den sehr teuren Rohstoff Kalk, der zur Herstellung von Kalksandsteinen erforderlich ist, durch andere, billigere Zusatzstoffe zu ersetzen. Man kam auf die Idee, den Rohstoff Kalk durch Abfallprodukte aus der Rauchgasentschwefelung zu ersetzen. Dieses Material besteht überwiegend aus Kalziumkarbonat und daneben aus einem Gemisch aus Kalziumsulfit und Kalziumsulfat. Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich um gipsähnliche Stoffe bzw. Gips in abgebundener Form. Mit dieser Vorgehensweise schlug man bei Haniel/Xella zwei Fliegen mit einer Klappe. Man sparte den teuren Rohstoff Kalk und erhielt von den Betreibern der Rauchgasentschwefelungsanlagen noch Geld dafür, dass man das Abfallprodukt abnahm und somit den Betreibern der Rauchgasentschwefelungsanlagen die Entsorgung dieser Abfallstoffe ersparte.

Die Verwendung dieser Abfallstoffe kann für die Qualität des auf diese Weise hergestellten Steins verheerende Folgen haben. Die Anwesenheit von Kalziumsulfit und Kalziumsulfat im Kalksandstein kann zur Minderung von Steinfestigkeiten u.a. infolge von Gipsresten im Stein führen. Bei stärkerer Feuchtigkeitsbelastung können größere Mengen aus dem Stein austretender Sulfit- und Sulfationen u.U. Treibreaktionen in angrenzenden Zementmörteln oder -putzen verursachen. Darüber hinaus kann es verstärkt zu Ausblühungen des Mauerwerks infolge löslicher Salze kommen. Die Anwesenheit von Chloridionen ist darüber hinaus negativ für Festigkeit, Ausblühneigung und Frostverhalten des Steins.

Kurz gesagt: durch die Verwendung dieses Abfallproduktes werden zwei der wesentlichen Eigenschaften des Kalksandsteins beeinträchtigt, nämlich die enorme Belastbarkeit aufgrund der hohen Drucktragfähigkeit und die besondere Feuchtigkeits- und Frostfestigkeit.

Nun könnte man denken: "Gut, Haniel/Xella hat das nicht gewusst und die Produktion dieser Kalksandsteine nach Bekanntwerden der negativen Auswirkungen sofort eingestellt." So war es jedoch leider nicht.

Vielmehr war Haniel/Xella noch vor dem ersten Inverkehrbringen der auf diese Weise hergestellten Kalksandsteine bekannt, dass die Verwendung dieses Abfallstoffs aus der Rauchgasentschwefelung die oben bereits genannten negativen Auswirkungen haben kann. Haniel/Xella hat nämlich eine Probe des Materials an den Bundesverband Kalksandsteinindustrie e.V. mit der Bitte um Analyse und Stellungnahme geschickt. In der Stellungnahme des Bundesverbandes Kalksandsteinindustrie e.V. aus dem November 1987 wird bereits ausdrücklich darauf hingewiesen, dass durch die Verwendung des Zuschlagstoffs aus der Rauchgasentschwefelung eine Minderung der Steinfestigkeit, eine Neigung zur Ausblühung des Mauerwerks und bei stärkerer Feuchtigkeitsbelastung auch Treibreaktionen in angrenzenden Zementmörteln oder -putzen auftreten können. Man wusste bei Haniel/Xella also vor dem ersten Inverkehrbringen der auf diese Weise hergestellten Kalksandsteine, dass die wesentlichen positiven Eigenschaften wie Drucktragfestigkeit sowie Feuchtigkeits- und Frostfestigkeit beeinträchtigt, wenn nicht gar aufgehoben werden könnten. Gleichwohl wurden die auf diese Weise hergestellten Kalksandsteine hergestellt und ausgeliefert.

Selbst als es Anfang der 90er Jahre zu den ersten Schäden an Gebäuden kam, die mit diesen Kalksandsteinen errichtet worden waren, kam man bei Haniel/Xella nicht zu der Einsicht, die Produktion der Kalksandsteine mit dem Abfallstoff aus der Rauchgasentschwefelung einzustellen. Bis 1995 wurde weiter produziert und ausgeliefert.

Das Gutachten eines Sachverständigen im Auftrag von Haniel/Xella aus dem Jahr 2008 bestätigt zunächst, dass Haniel/Xella ab 1987 bis ca. 1995 Kalksandsteine unter Zusatz von Zuschlägen hergestellt hat, die Schwefelverbindungen enthielten. Er stellte fest, dass offensichtlich keine besonderen Prüfungen der Eignung dieser Zuschlagstoffe für den vorgesehenen Verwendungszweck erfolgten, obwohl der Anteil dieser schädlichen Bestandteile deutlich über den in DIN 4226-2 festgelegten Grenzwerten lag. Das Gutachten kommt, wie die Stellungnahme des Bundesverbandes Kalksandsteinindustrie e.V. aus dem Jahre 1987, zu dem Ergebnis, dass Wände, die mit diesen Kalksandsteinen hergestellt wurden, als Folge einer starken Feuchtigkeitseinwirkung ihre Tragfähigkeit soweit einbüßen könnten, dass sie die auf sie als Teil des Gesamttragwerks entfallenden Lasten nicht mehr sicher ableiten können und schließlich auch das Gesamttragwerk des Gebäudes nicht mehr in der Lage sein kann, durch Lastenumlagerung dauerhaft eine hinreichend große Gesamtstabilität zu gewährleisten. Nach diesem Gutachten kann es also bei ausreichendem Feuchtigkeitseintrag in das Mauerwerk zur völligen Zerrüttung der betroffenen Wände kommen mit der Folge, dass die Standsicherheit des gesamten Gebäudes gefährdet sein kann.

Auch bei Haniel/Xella hat man die Brisanz dieses Themas längst erkannt. Statt Geschädigte und potentiell betroffene Bauherren zu informieren, versucht Haniel/Xella jedoch, die ganze Geschichte "unter den Teppich zu kehren". In den meisten bislang offenkundig gewordenen Schadensfällen, man spricht insoweit von ca. 265 Häusern, hat sich Haniel/Xella still und leise mit den Hauseigentümern auf eine für die Eigentümer kostenfreie Sanierung, in besonders schweren Fällen auf einen vollständigen Ankauf des Hauses durch Haniel/Xella entschieden. Angeblich mussten die betroffenen Eigentümer auch strikte Verschwiegenheitserklärungen unterzeichnen.

Durch dieses Vorgehen gelang es dem Konzern, ein größeres Bekanntwerden dieses Skandals zu verhindern. Aufgrund der Kapazität der drei Kalksandsteinwerke, in denen in den Jahren 1987 bis 1995 die Kalksandsteine mit den Abfallprodukten aus der Rauchgasentschwefelung hergestellt wurden, ist davon auszugehen, dass bis zu 40.000 Häuser in den Regionen Großraum linker Niederrhein, Großraum Moers und Ratingen bis Krefeld betroffen sein können. Dagegen sind die bislang bekannt gewordenen ca. 265 Schadensfälle nur die Spitze des Eisberges.

Sie haben in der Zeit zwischen 1987 und 1995 in den vorgenannten Regionen ein Haus gebaut oder gekauft? Dieses Haus wurde mit Kalksandsteinen errichtet? Dann könnte auch Ihr Haus betroffen und ggf. gefährdet sein.

Wie können Sie in Erfahrung bringen, ob bei Ihrem Haus Kalksandsteine mit dem Abfallprodukt aus der Rauchgasentschwefelungsanlage verwendet wurden?

Dies ist ganz einfach. Sie müssen lediglich im Keller Ihres Hauses eine Bohrung in das Mauerwerk ausführen oder veranlassen. Das hierbei gewonnene Kalksandsteinmehl können Sie bei dem nächst gelegenen Materialprüfungsamt daraufhin untersuchen lassen, ob Kalziumkarbonat, Kalziumsulfit und Kalziumsulfat enthalten sind. Ergibt die Analyse, dass diese Stoffe in Ihren Kalksandsteinen vorhanden sind, ist Ihr Haus potentiell gefährdet oder vielleicht sogar bereits geschädigt. Diese Analyse beim Materialprüfungsamt verursacht Kosten in Höhe von lediglich max. 60,00 € bis 70,00 €. Sie haben jedoch mit dem Ergebnis der Analyse Sicherheit, ob Ihr Haus mit den fehlerhaften Kalksandsteinen errichtet wurde oder nicht.

Wenn die Analyse ergibt, dass Ihr Haus mit fehlerhaften Kalksandsteinen errichtet wurde, ist zu prüfen, ob Ihnen Schadenersatzansprüche gegen Haniel/Xella zustehen. Ausgangspunkt dieser Prüfung ist die Tatsache, dass die Kalksandsteine mit dem Zuschlagstoff aus der Rauchgasentschwefelung mit einem Fehler behaftet, d.h. mangelhaft sind. Da direkte vertragliche Beziehungen zwischen den Eigentümern der Häuser und Haniel/Xella nicht bestehen, scheiden vertragliche Schadenersatzansprüche aus. In Betracht kommen jedoch insbesondere deliktische Schadenersatzansprüche, hier vor allen § 823 Abs. 1 des Bürgerlichen Gesetzbuches, da durch die Verwendung des mangelhaften Steins eine Eigentumsverletzung, d.h. eine Verletzung des Eigentums an dem Haus eingetreten sein dürfte.

Bei der vorliegend zu verzeichnenden Sachverhaltskonstellation könnten sogar Schadenersatzansprüche wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung gem. § 826 des Bürgerlichen Gesetzbuches bestehen. Dieser Schadenersatzanspruch begründet sich darauf, dass Haniel/Xella bereits vor dem ersten Inverkehrbringen der mangelhaften Steine durch die Stellungnahme des Bundesverbandes Kalksandsteinindustrie e.V. positiv wusste, dass der Zuschlagstoff aus der Rauchgasentschwefelung für die Herstellung von Kalksandsteinen problematisch ist und dessen Verwendung negative Auswirkungen auf die Druckfestigkeit und die Wiederstandsfähigkeit gegen Feuchtigkeit haben kann. Trotz dieser positiven Kenntnis hat Haniel/Xella die mangelhaften Kalksandsteine in den Verkehr gebracht. Spätestens nach dem Auftreten der ersten Schäden an Gebäuden hätte Haniel/Xella diese Produktionsweise einstellen müssen. Die Steine wurden jedoch unverändert weiterproduziert, so dass spätestens ab dem Zeitpunkt des Bekanntwerdens der ersten Schadensfälle von einer Haftung wegen vorsätzlicher sittenwidriger Schädigung gem. § 826 des Bürgerlichen Gesetzbuches ausgegangen werden kann.

Zu diesem Ergebnis kommt selbst ein von Haniel/Xella selbst in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten einer renommierten großen Rechtsanwaltskanzlei.

Wenn Sie in dem Zeitraum 1987 bis 1995 in den oben genannten Regionen ein Haus mit Kalksandsteinen gebaut, gekauft oder zu einem späteren Zeitpunkt ein in diesem Zeitraum aus Kalksandsteinen errichtetes Haus gekauft haben, sollten Sie nicht zögern, die notwendigen Untersuchungen durch das Materialprüfungsamt durchführen zu lassen.

Für weitere Informationen stehen wir Ihnen selbstverständlich gerne jederzeit unter den Kontaktdaten auf dieser Homepage zur Verfügung.